Siegbert Tarrasch

Das Schachspiel

Systematisches Lehrbuch für Anfänger und Geübte

Edition Olms
Rezension von Gerald Berghöfer

Der deutsche Arzt Dr. Siegbert Tarrasch (1862-1934) war und bleibt einer der bekanntesten Fast-Weltmeister, dessen interessante Theorien über das Schachspiel zu tiefgehenden Debatten führte.

Einen WM-Kampf gegen Steinitz musste Tarrasch aus beruflichen Gründen ablehnen, doch war Tarrasch zumindest um die Jahrhundertwende der erfolgreichste Spieler bei Turnieren. Ein Kampf um die Weltmeisterschaft gegen Emanuel Lasker kam erst einige Jahre später - nach dem Überschreiten seines Leistungszenits - zustande, wodurch Tarrasch nie Weltmeister wurde.

Tarraschs Können gründete sich wie bei Emanuel Lasker auf den positionellen Neuerungen im Schachspiel, die der österreichische Weltmeister Wilhelm Steinitz formulierte, und von Tarrasch eingesetzt und erweitert wurden. In Einzelheiten wich er auch davon ab und es ist für jeden Schachspieler nach den Grundkenntnissen erbaulich, das damalige Für-und-Wieder bestimmter positioneller Ideen, vor allem in den Eröffnungen, kennenzulernen.

Bis man so weit ist, dies zu verstehen, lehrt der Meister zuerst die Grundgzüge des Schachs, sodann Endspiele und taktische Mittelspielmotive. Erst daraus versteht man die Zusammenhänge besser, wie man in jene Stellungen gelangen können sollte, in welchen die Partie sodann entschieden wird.

Wie innovativ Dr. Tarrasch auch in der Lehrstoffvermittlung war, zeigt sein Vorwort, in dem er bereits 1931 von seiner neuen Methode des "spielenden Lernens" spricht, so wie eine Mutter dem Kind das Sprechen beibringe. Der Anfänger bekommt sofort Stellungen vorgesetzt und lernt durch Anschauungsunterricht. Er lehre dem Schüler schachlich "sehen".

Tarrasch geht also etwa bei den Grundlagen so vor, dass er die Eigenheiten von König und Turm erklärt und dann bereits darauf übergeht, mit diesen beiden Figuren "schach" und "schachmatt" zu setzen - so dass sich möglichst schnell etwas auf dem Brett abspielt und bereits jetzt der Unterschied zwischen guten und schlechten Zügen erkannt wird, und dadurch das logische Denken statt nur dem Auswendiglernen aktiviert wird.

Auch bei der Taktik wird ein Motiv, z.B. die Fesselung, erklärt und sogleich folgt ein Beispiel, wie aus einer Partiestellung einige Züge auf eine entscheidende Fesselung hingespielt wird. Diese zu erkennenden Zusammenhänge sind extrem wichtig und die Beispiele sind vorzüglich gewählt! Tarrasch geht beim Lehren einen ähnlichen Weg wie Emanuel Lasker, indem nicht das Gedächtnis mit hunderten Stellungen überladen wird, sondern das Erkennen der entscheidenden Zusammenhänge geübt wird.

Erst nachdem das Wesentliche für Endspiel und Mittelspiel vermittelt wurde, geht Tarrasch zu den Eröffnungen über und warnt eindringlich, keinesfalls Eröffnungszüge auswendig zu lernen! Durch das vorherige Verstehen der auf die Eröffnung folgenden Partiephasen, also welche Endspiele und Mittelspiele vorteilhaft sind, kann nun die Strategie angepackt werden, wie man in jene vorteilhaften Stellungen kommen könnte, bzw. wie man es - vor allem als Schwarzspieler - verhindert. Er lehrte dabei vor allem die Wichtigkeit der Beherrschung des Zentrums.

Heutzutage erlernen viele Neulinge keine Prinzipien mehr, sondern wenn die Schach-Engine sagt, Weiss stehe nach diesem Zug +0,8, dann wird dieser Zug vielleicht ins Eröffnungsrepertoire übernommen, ohne zu verstehen, worum es geht. Andere Spieler suchen sich ihre Züge nach der Erfolgsstatistik. Das ist alles sehr aufwendig und führt auch nie zu Weisheit, sondern nur zu Wissen. Zu Tarraschs Zeit gab es weder Schachcomputer, noch umfangreiche Statistiken, deshalb wurde selbst tief gedacht. Wer die Grundprinzipien der früheren Meister versteht, braucht nicht mehr bei jedem Zug externes Wissen zurate ziehen und ohne Stil zu spielen, sondern macht selbst gute Züge und braucht nur mehr für Einzelheiten die modernen Mitteln zwecks Überprüfung.

Das Buch ist also für Einsteiger, als auch für Fortgeschrittene sehr empfehlenswert, doch jüngere Kinder, die zur damaligen Zeit kaum Schach lernten, können noch nicht so gut auffassen wie jene, für die dieses Buch gedacht ist, und daher sollten Grundschulkinder eher zu speziellen Kinderbüchern greifen.

Ansonsten ist noch erwähnenswert, dass Dr. Tarrasch die Weiterentwicklung des Schachsports in Deutschland förderte und für mehrere Schachzeitschriften schrieb. Seine Texte waren zuweilen auch scharf, doch er war sehr beliebt.

Fazit:

Ein großartiger Klassiker, umfangreich und dennoch tief durchdacht im Aufbau und in den Einzelheiten. Wer dieses Buch durchgeht, erwirbt nicht nur oberflächliches Wissen, sondern versteht etwas von den tieferen Zusammenhängen im Schach.

Siegbert Tarrasch:

Das Schachspiel

Systematisches Lehrbuch für Anfänger und Geübte

Dr. Tarrasch war einer der wichtigsten Schachspieler und Theoretiker der Geschichte und sein Lehrbuch enthält alles, um von Grund auf ein guter Schachspieler werden zu können: Anfangsgründe, Endspiel, Mittelspiel, Eröffnung, Partien. Ein großartiger Klassiker, umfangreich und dennoch tief durchdacht im Aufbau und in den Einzelheiten.

Gebundene Ausgabe 406 Seiten - Edition Olms
Erscheinungsdatum: 2003
ISBN: 3283002533
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