Norbert Sommerbauer:

Paulsen-System

Ein fast komplettes Repertoir gegen 1. e4

Chessbase
Rezension von Gerald Berghöfer

Lois Paulsen war Mitte bis Ende des 19. Jahrhunderts einer der besten Spieler der Welt, spielte aber für seine Zeit, die vom Stil Morphys und Anderssens geprägt war, ungewöhnlich. Von Steinitz ist überliefert: "Zu Beginn meiner Karriere war ich selbst ein unbedingter Anhänger des alten Systems, und ich erinnere mich noch gut, dass ich mich bei meinem ersten Treffen mit Anderssen und Kolisch sehr abfällig über Paulsens Stil äußerte. Aber beide Meister verteidigten Paulsen mit Wärme gegen meine generelle Kritik und das ließ mich nachdenklich werden. Ich erkannte allmählich, dass Genie im Schach mehr ist als mehr oder weniger brillante Schläge nachdem das ursprüngliche Gleichgewicht der Kräfte gestört worden ist..." (International Chess Magazine, 1891).

IM Norbert Sommerbauer beschreibt auf der vorliegenden CD-ROM den derzeitigen Stand des nach Paulsen benannten Systems, entstehend nach 1.e4 c5 2.Sf3 e6, und listet zuerst die verschiedenen Varianten auf.

In der Einleitung lässt der Autor auch etwas "hinter die Kulissen" blicken, wie er aus so vielen Partien zum Thema, die unmöglich alle angesehen werden konnten, dennoch möglichst viele wichtige Informationen herausfiltern konnte. Das lässt bereits erahnen, wie viel Arbeit man sich durch den Kauf einer derartigen CD-ROM erspart, wollte man selbst eine Eröffnung von Grund auf erarbeiten.

Danach folgt bereits eine Repertoirempfehlung - welche Varianten abwechselnd gewählt werden sollten, um dem Gegner die Vorbereitung zu erschweren. Sommerbauer hält das Paulsen-System für eine solide und flexible Eröffnung, bei der man vor gravierenden Eröffnungsneuerungen sicher ist, doch steigt i.d.R. die Chance auf den Gewinn, wenn sich der Gegner weniger mit der am Brett befindlichen Variante auseinander gesetzt hat. Ausserdem meint der Autor später, man könne so auch wählen, ob man solide oder eher aggressiv spielen möchte - das Paulsen-System biete beides. Auch für den Weiß-Spieler sind Variantenempfehlungen enthalten.

Die am Ende der Einleitung folgende Auswahl beschreibt den beachtlichen Inhalt der CD:

Ein wunderbares Highlight stellt die Erklärung zu typischen Stellungsbildern und Manövern dar. Tiefgehend wird erklärt, wann welche Bauernstrukturen entstehen und mit welchen Figuren welche Strukturen vorteilhaft sind. Dabei beschränkt sich der IM nicht nur aufs Paulsen-System, sondern erweitert den Horizont z.B. auch in Richtung Scheveninger-System, in das der Schwarz-Spieler umleiten kann.

Weniger begeisterte mich die Beschreibung der "Nachteile". Hier wurden nur Abweichungen im 3. Zug als subjektiv unangenehm (durch vom Paulsen-System abweichende Stellungsbilder) erwähnt, als wenn es keine einzige kritische Variante für Schwarz gäbe?! Der Autor warnt jedoch schon in der Einleitung vor, dass er sich nur so weit bemühen kann, objektiv zu sein, so weit es ihm als leidenschaftlichen Schwarz-Spieler im Paulsen-System überhaupt möglich sei. Diese - nicht nur den Autor des vorliegenden Werkes betreffende - Problematik könnte auch auch bei der Beurteilung des "Englischen Angriffes" eine Rolle gespielt haben, der sich in der Einleitung noch unter den Empfehlungen für Weiss befindet und mit "Weiss erhält gutes Spiel" beurteilt wird, während später erklärt wird, wie harmlos der Englische Angriff gegen Paulsen sei. Na wat de nu?

Für Weiß-Spieler ist die CD alleine schon wegen der oben erwähnten Erklärungen zu den Stellungsbildern und Manövern sehr hilfreich, dennoch würde ich empfehlen, ein zusätzliches Werk eines Weiß-Spielers, der sich bemüht und "abrackert", das schwarze System zu knacken, zu erwerben.

Doch ist es wichtig, den aus der Leidenschaft für die schwarze Stellung erwachsenen Vorteil zu sehen, denn Sommerbauers Texte unterscheiden sich dadurch positiv von den meisten Autoren im Tiefgang der Erklärungen und aufgezeigten Zugumstellungen, so dass der Schwarzspieler mit dieser CD sehr zufrieden sein kann. Sommerbauer übertrifft hier mit seinem engagierten Erstlingswerk die meisten Autoren bei weitem!

Nun weiter im Aufbau der CD: Um nach den allgemeinen Schilderungen Näheres zu einer speziellen Variante zu erfahren, klicke man auf "Varianten des Paulsen-Systems" oder auf den in der oberen Leiste ersichtlichen Menüpunkt "Partien", und wähle die gewünschte Variante aus. Siehe da, neben dem genannten Highlight der beschriebenen Stellungsbilder und Manöver wurde auch bei den einzelnen Variaten von Norbert Sommerbauer glänzend recherchiert, analysiert und zusammengefasst. Für die hier angeführten hochinteressanten Analysevarianten würde ich mir aber zusätzliche Diagramme wünschen - oder eine Erweiterung für eine kommende Version des Readers, wodurch man die in derartigem Text angeführten Analysevarianten durch Anklicken sofort auf einem kleinen Schachbrett sehen können sollte.

Zu den Erläuterungen werden auch jeweils Links zu passenden Musterpartien geboten, wobei die Partien mit dem auf allen Chessbase-Eröffnungs-CDs enthaltenen Reader mit großem Komfort angesehen werden können - und nicht nur das, auch Engines sind einbindbar, um die vor sich befindliche Stellung auch gleich zu analysieren.

Neben den eigenen Analysen sind die vielen von Sommerbauer und mehreren Großmeistern kommentierten Partien eine große Hilfe. Laut Verpackungstext sind es 330, und das ist eine beachtliche Anzahl! Die gesamte Datenbank besteht gar aus fast 90000 Partien, wobei die Liste nach verschiedenen Kriterien geordnet werden kann, um das Passende zu finden.

Eine zielführende und gut umgesetzte Idee ist das integrierte Training, um das Gelernte zu festigen.

Fazit:

Wer das flexible und erprobte Paulsen-System einsetzen möchte, der findet auf dieser CD-ROM kompetente und tiefgehende Erklärungen - man spürt die zwanzigjährige Erfahrung Sommerbauers mit dieser Eröffnung! Die Veröffentlichung auf CD-ROM bietet durch die Hyperlinks, Engine-Einbindung und großer Anzahl an Partien zusätzliche Vorteile gegenüber einem Eröffnungsbuch.

Norbert Sommerbauer:

Paulsen-System

Ein fast komplettes Repertoire gegen 1.e4

IM Norbert Sommerbauer spielt die Paulsen- und Taimanov-Variante schon etwa 20 Jahre lang und zeigt die Vor- und Nachteile der verschiedenen Varianten auf. Die CD bietet dem Schwarzspieler ein fast komplettes Repertoire gegen 1.e4. Inkl. kommentierter Partien, großer Datenbank und Trainingsdatenbank.

System: Windows 98, Windows Me, Windows 2000, Windows XP
CD-ROM
Erscheinungsdatum: 2005
ASIN: 393754948X
Amazon-Preis: EUR 24,99
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