Nigel Davies:

play 1e4 e5!

a complete repertoire for Black in the Open Games (in englischer Sprache)

Everyman Chess
Rezension von Gerald Berghöfer

GM Nigel Davies hat ein hochwertiges Repertoire zusammengestellt, wie man gegen 1.e4 mit 1...e5 gerüstet ist. Dabei wählt er keine remislichen Varianten, mit denen man mit Schwarz kaum gewinnen kann, sondern kampfbetonte Abspiele, die auch Schwarz gute Chancen geben, so sie Weiß nicht genau behandelt. Doch handelt es sich dabei ausschließlich um seriöse Varianten, die auch Großmeister spielen, und nicht um dubiose "Geheimwaffen", wie sie in viel zu vielen Eröffnungswerken vorkommen, die nur auf Tricks aufgebaut sind, und die nach der Widerlegung durch den Gegner eine kaum mehr abzuwehrende Niederlage bedeuten.

Bereits seit der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts wird gegen 1...e5 von Weiß am häufigsten der Spanier gewählt, und deswegen passt es gut, dass dieser Eröffnung genügend Platz eingeräumt wird. Wer die Eröffnung des Ruy Lopez als Schwarzspieler neu in sein Repertoire aufnehmen will, steht vor einem riesigen Variantenwald und wird lange brauchen, die für die Praxis wichtigen Unterschiede der Varianten herauszufinden. Der Vorteil dieses Buches liegt nun u.a. auch darin, dass man sich viel Arbeit erspart und auf das Wissen eines erfahrenen Großmeisters vertrauen kann, der das auch statistisch gesehen für Schwarz erfolgreiche Keres-System des geschlossenen Spaniers erklärt, das durch 7...d6 8.c3 0-0 9.h3 Sa5 10.Lc2 c5 11.d4 Sfd7 eingeleitet wird.

Im ersten Kapitel geht es um die Hauptfortsetzung 12.Sd2 - für die wichtigen Abweichungen von Weiß im 12. Zug, im 9. Zug, um vielleicht den Bauernzug auf h3 einzusparen, und im 5./6. Zug (z.B. 6.De2) wird jeweils ein ganzes Kapitel zur Verfügung gestellt. Danach wird auch noch erläutert, wie man der Spanischen Abtauschvariante entgegentreten kann - die von Davies empfohlene seltene Variante sah ich noch nirgends so ausführlich behandelt, insofern könnte man hier von einem "Geheimtipp" sprechen.

So weit zur Spanischen Eröffnung, weiter geht es mit 3.Lc4 und den oft wilden Kämpfen des Zweispringerspiels im Nachzuge, vor allem, so Weiß sofort 4.Sg5 spielt. Hier hat Davies ein relativ neue Verbesserung des Gegenspiels parat, das in der Praxis bisher extrem erfolgreich angewandt wurde. Auch 3.d4 und dem häufig gespielten ruhigen 3.d3, das dem geschlossenen Spanier nach dem Rückzug des weißfeldrigen Läufers auf b3 ähnlich ist, werden mehrere kommentierte Partien gewidmet.

Dabei möchte ich gleich erwähnen, dass jedes Kapitel durch einen Einleitungstext und kommentierten Beispielpartien aufgebaut ist. Diese "Referenzpartien" stammen meist aus aktueller Großmeisterpraxis, was sich als sinnvoller erweist, als wenn die aktuell gespielte Variante in einer alten Weltmeisterpartie nur als Nebenbemerkung vorkommt.

Weiter geht es mit Schottisch, dem Exweltmeister Garri Kasparow neue Beliebtheit verschafft hat, und in den letzten beiden Kapiteln werden die Abweichungen im 3. und 2. Zug betrachtet, wodurch das Repertoire gegen 1.e4 auch schon fertig ist.

Im Buch erzählt Davies immer wieder über Gespräche mit anderen Großmeistern, wie diese die besprochene Stellung beurteilen und warum sie diese oder jene Pläne empfehlen. Dieses zusätzliche Detailwissen haben viele andere Autoren von Eröffnungswerken nicht zu bieten.

Auch fiel mir auf, dass die Empfehlungen von Davies mit der Einschätzung guter Engines manchmal weit auseinanderklaffen, so dass jemand, der sich rein auf Computeranalysen stützt, es schwer haben wird, gegen solche Varianten anzukommen, denn es zeigt sich, dass die Strategie der Großmeister doch weitreichender ist und die Engines später ihre Einschätzung relativieren. Bei den Varianten, die ich bis jetzt durchgesehen habe, fand Fritz 9 nur einmal, bei einer kleinen Randnotiz, einen taktischen Schlag, der im Buch nicht berücksichtigt wurde. In anderen Büchern kommt dies weit häufiger vor.

Mit den vorgefertigten Varianten von play 1e4 e5! lässt sich rasch und bequem ein wichtiger Teil des Eröffnungswissens abdecken. Durch die hochkarätigen Erklärungen sollte auch das Stellungsgefühl gefördert worden sein. Es ist empfehlenswert, die Varianten selbst auch noch mit einer Engine zu analysieren, und mit starken Spielern zu üben. Für wahre Meisterschaft im Anfangsstadium der Partie gehört lt. Mark Dworezki schließlich auch noch das Sich-Auseinandersetzen mit typischen Situationen, in denen sich andere Spieler zurechtfinden mussten. So weit zur Einordnung dieses Buches in die Eröffnungsvorbereitung als Ganzes.

Dass play 1e4 e5! in Englisch vorliegt, sollte selbst nur mäßig fortgeschrittene Sprachkenner nicht stören, denn es ist leicht verständlich und falls doch irgendein Wort wichtig erscheint, das man nicht kennt (was selten vorkommen wird), schlägt man eben rasch im Lexikon nach.

Fazit:

Nigel Davies stellt mit play 1e4 e5! dem Liebhaber offener Spieler ein Meisterwerk zur Verfügung, das rasch und bequem in ein hochwertiges und kampfbetontes Eröffnungsrepertoire gegen 1.e4 einführt, das durch seine Dynamik auch Schwarz vermehrt Chancen auf den Sieg bietet.

Nigel Davies:

Play 1e4 e5!

GM Nigel Davies hat ein komplettes und hochkarätiges Repertoire gegen 1.e4 zusammengestellt.

Sprache: Englisch
Taschenbuch - 192 Seiten - Everyman Chess
Erscheinungsjahr: 2005
ISBN: 1857444019
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