Garri Kasparow:

Meine großen Vorkämpfer 1

Wilhelm Steinitz, Emanuel Lasker und die ersten inoffiziellen Weltmeister

Die bedeutendsten Partien der Schachweltmeister

Edition Olms
Rezension von Gerald Berghöfer

Gleich zu Beginn wird vom 13.Weltmeister Garri Kasparow ein aussergewöhnlicher Vergleich zwischen dem Spielstil des jeweils stärksten Spielers seiner Zeit mit dessen Beruf und dessen Umfeld samt der damalig vorherrschenden Denkweise angestellt.

Ob nun jeder mit Kasparows aufgezeigten Querverbindungen (im Detail) einverstanden ist oder nicht, soll nicht so entscheidend sein, als die Erkenntnis, dass er diese gleich zu Beginn präsentiert, und somit zeigt, wie sehr der inzwischen Politiker gewordene Kasparow mit solchen Gedanken verwurzelt ist. Auch bei seinem Sieg gegen den regimetreuen Karpow sieht er die Verbindung zur Perestroika, welche das alte sowjetische Regime aufbrach.

Persönlich sehe ich solche Analysen, die über den Schachbrettrand hinausreichen als willkommene Bereicherung an, denn auch wenn sie nicht alle stimmig sein mögen, regen sie an, selbst vernetzter zu denken. Schließlich weiss man ja inzwischen auch, dass die schachliche Betätigung Einflüsse auf sonstige Tätigkeiten (Intelligenzsteigerung) hat und die besten Schachspieler ließen und lassen sicherlich umgekehrt auch die modernen Ideen der Umwelt auf die Art der Problembehandlung am Schachbrett einfließen. Ob romantische, wissenschaftliche oder sportliche Sicht auf dem Schachbrett dominiert, hat m.E. zumindest bei den besseren Spielern auch mit den sonstigen Gedankengängen des Spielers zu tun, und diese sind zumindest teilweise von der Umwelt beeinflusst.

Wer mit solchen Ideen so gar nichts am Hut hat, der sei unbesorgt, nur ein winziger Teil des umfangreichen Buches beschäftigt sich damit, und ansonsten geht es fast rein schachlich und biographisch ans Werk, wobei schönerweise nicht nur der weltbeste Spieler beschrieben wird, sondern auch zu zahlreichen weiteren guten Spielern relativ ausführliche Biographien samt Beschreibung der Umstände erfasst wurden. Kasparow versteht es, sich in die Geschichte einzufühlen und anregend zu formulieren.

Zuerst werden die besten Spieler vom Mittelalter bis ins 19.Jhdt., also bis zur ersten offiziellen Weltmeisterschaft vorgestellt. Vor allem waren dies Greco, Philidor, La Bourdonnais, Staunton, Anderssen und Morphy, die oft als "inoffizielle Weltmeister" betitelt werden. Berühmte Partien, wie die "Unsterbliche" und die "Immergrüne" von Anderssen werden von Kasparow gekonnt analysiert. Die Vorzüge des jeweiligen Meisters erscheinen in klarerem Licht und Garri erklärt auch immer wieder, in welchen Beziehungen sich das Schachspiel inzwischen weiterentwickelt hat. Die Leistung früherer Meister erscheint zwar dadurch etwas geringer als die des Autors, doch erstens weiss man ja nicht, was frühere Könner mit heutigem Wissen alles zustande bringen würden, und zweitens ist es sehr lehrreich, wenn die inzwischen erkannten Verbesserungen so klar formuliert werden. Zwischendurch sind auch Mutmaßungen enthalten, die zumindest für meinen Geschmack etwas überheblich wirken, etwa über die möglichen Gedanken Morphys bei einer seiner Glanzpartien gegen Anderssen, doch i.d.R. geht Kasparow möglichst objektiv an die Partien heran.

Hauptprotagonisten des ersten Bandes sind die einzigen Weltmeister aus Österreich und Deutschland, nämlich Wilhelm Steinitz und sein Nachfolger Emanuel Lasker. "Wilhelm der Erste" gilt als großer Forscher und Begründer des von Philidor beeinflussten Positionsspiels, nachdem er zuvor mit Angriffsschach - in ähnlichem Stile wie Anderssen - an die Weltspitze herankam. Kasparow geht sehr detailliert darauf ein, was Steinitz neue Schachschule geleistet hat, aber auch, bei welchen seiner Thesen er eher nicht festhalten hätte sollen. Die Entwicklung und Leistung des Weltmeisters von 1886 - 1894 werden ziemlich genau behandelt.

"Emanuel der Zweite" war Wissenschafter, der in der Mathematik und in der Philosophie begnadet war. Interessanterweise ist er aber im Schach durch einen ganz anderen Aspekt bekannt geworden, nämlich, dass er in hoher Klasse "das Sportliche" ins Schach einbrachte, nämlich psychologisch auch den Gegner zu berücksichtigen. Sicherlich haben dies auch schon andere Spieler vor ihm getan, so sagte einmal Morphy in einem Interview sinngemäß, dass er sich bei einem Zug sicher gewesen sei, den Gegner damit zu überfordern, doch Lasker war hier noch zielgerichteter - wie Kasparow aufzeigt, gelang es ihm in schwierigen Situationen stets, den Gegner vor schier unlösbare Aufgaben zu stellen und war damit seiner Zeit weit voraus. Dadurch, aber vielleicht auch, weil er Capablanca erst etwas spät eine Chance auf die Krone gab, war er der längstdienende Weltmeister der Schachgeschichte. Die sonstigen Stärken des Deutschen sind nicht so bekannt, was eigentlich schade ist, denn er veredelte die Steinitzschen Theorien, hatte ein phänomenales Durchhaltevermögen, taktisches Geschick und ausgereifte Endspieltechnik. Er hatte also keine wesentlichen Schwachpunkte - am ehesten war noch die Eröffnung eine "Schwäche", doch selbst wenn er dadurch manchmal schlechter stand, drehte er die Partie meist noch um.

Ein Partienverzeichnis und ein Eröffnungsregister schließen das umfangreiche Werk ab. In der vorliegenden 2. korrigierten und neu bearbeiteten Auflage von 2006 wurden die in der Erstausgabe vorhandenen Druck- und Übersetzungsfehler korrigiert.

Auf der beiliegenden CD-ROM sind 3151 Partien der beiden Weltmeister und der vorherigen inoffiziellen Weltmeister gespeichert. Die Partien sind mit dem ChessBase-Reader, ChessBase, Fritz oder einem anderen Programm mit Fritz-Oberfläche zu betrachten.

Fazit:

Obwohl Morphy, Steinitz und Lasker schon vor langer Zeit wirkten, war deren Stärke beachtlich - und es ist faszinierend, wie Garri Kasparow jene Zeit betrachtet. Er hebt nicht nur die Spieler hervor, sondern betont die beeinflussende Umgebung und welche neuen Ideen ins Schach eingebracht oder besonders betont wurden, denn die früheren Meisterleistungen zu analysieren und zu verstehen, war auch für seine persönliche Verbesserung bis hin zum Weltmeistertitel ein wesentlicher Faktor.

Garri Kasparow:

Meine großen Vorkämpfer 1

Garri Kasparow schildert die Zeit rund um Staunton, Anderssen, Morphy, Steinitz und Lasker und analysiert bedeutende Partien.

Sprache: Deutsch
Gebundene Ausgabe - 246 Seiten - Edition Olms
Erscheinungsjahr: 2003 (2.Auflage 2006)
ISBN: 3283004706
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