Emanuel Lasker

Laskers Lehrbuch des Schachspiels

Überarbeitete Ausgabe 2005

Joachim Bayer Verlag
Rezension von Gerald Berghöfer

Dr. Emanuel Lasker war jener Weltmeister, der den Titel am längsten inne hatte. Doch nicht nur dies ist an ihm besonders, sondern mich interessiert vor allem seine Ansicht, dass beim Schach das Gedächtnis nicht mit Eröffnungsvarianten vollgestopft werden müsse. Heute wird extrem viel Zeit mit dem Durchforsten von Eröffnungen verbracht - und da auch dies nicht reichen kann, werden eigene Sekundanten eingestellt, um vielleicht doch wieder einmal einem Gegner eine eingelernte Variante um die Ohren zu hauen. Wie erfrischend leicht ist im Gegensatz dazu Laskers Methode!

Dies dürfte auch einer der wesentlichen Gründe sein, warum er so lange Zeit absolute Spitzenklasse war, während Kasparow wegen Gedächtnisproblemen relativ früh zurücktrat.

Durch das Entlasten des Gedächtnisses erklärt sich auch, dass Dr. Lasker bei den Schlussbetrachtungen beschreibt, dass die schachliche Erziehung viel zu uneffektiv und langsam vor sich ginge und zählt auf, mit welchen Inhalten ein guter Trainer einen Anfänger in 200 Stunden so weit bringen können sollte, dass ihn ein Meister i.d.R. mit Figurenvorgabe nicht mehr besiegt.

Doch kann man diese Zeitangaben dennoch nicht 1:1 in die heutige Zeit übernehmen, da zu dieser Zeit nicht in so jungem Alter wie heute mit dem Schach begonnen wurde und bei älteren Anfängern die geistigen und emotionalen Fähigkeiten weiter entwickelt, die Konzentrationsfähigkeit höher, und die Bereitschaft, zielgerichtet zu trainieren, ausgeprägter ist.

Wie sieht nun das Training im Buch aus? Den Aufbau der Elementarlehre konnte ich leider nicht nachvollziehen - wieso wird z.B. bei den Erklärungen, wie der König zieht, bereits vorausgesetzt, dass man versteht, wie andere Figuren ziehen können, obwohl diese noch nicht erklärt wurden? Dies ist aber auch der einzige Kritikpunkt, den ich an diesem sonst so faszinierenden Buch fand.

Erfrischend wird im zweiten Kapitel, "zweites Buch" genannt, jede wesentliche Eröffnung in nur wenigen Zeilen auf den Punkt gebracht. Natürlich stehen heute teilweise andere Variaten im Vordergrund wie damals, deshalb wurden vom Verlag veraltete Varianten rausgenommen und einige Ergänzungen angefügt. Bei der Betrachtung der Eröffnungen wird, wie von Lasker versprochen, das Gedächtnis nicht überstrapaziert, sondern er teilt mit, warum er was von welcher Eröffnung hält und alleine dadurch erklären sich viele Varianten schon von selbst.

Dem Wesen der Kombination wird im "dritten Buch" auf den Zahn gefühlt. Auch hier ist erstaunlich, wie Lasker nicht einfach eine Vielzahl an Kombinationen aneinanderreiht, auf welche Weise in vielen Büchern mit Kombinationen das Gedächtnis strapaziert wird, sondern er durchblickt und erklärt die Motive, die sich dann in vielfältigen Abwandlungen ausdrücken können. Hier sieht man sein Genie durchblitzen und versteht, wie bei den Eröffnungen, wie man mit wenigen, aber den richtigen Erkenntnissen, mehr erreichen kann, als tausende Kombinationen durchzugehen, bei denen der innere Sinn nicht verstanden wird.

Sodann das nächste Highlight: Das Positionsspiel wird erläutert und auch das Zusammenwirken mit der Kombination. Durch die Abhandlung über die Entwicklung der Spielweise Steinitz wird auch das Wesen der Eröffnung noch eingehender betrachtet - auf eine Weise, wie ich sie nie zuvor gesehen habe! Durch die Erklärungen Laskers über Steinitz Werk, das auch wesentliche Parallelen zwischen dem Schach und dem Leben festhielt, wird man in eine Zeit hineinversetzt, bei der es um viel mehr inneren Sinn des Schachs ging als heute. Wie schwach wirken dagegen die unzähligen Variantenvorbereitungen, wie sie derzeit vorherrschen.

Im Kapitel über das Ästhetische im Schach werden "die Unsterbliche" behandelt, sowie Vergleiche zwischen David und Goliath mit feinen und groben Schachzügen hergestellt. Es wird klar, wie wichtig Kunst im Schach ist, was erst die wahre "Schachkunst" ausmacht.

Beispiele und Muster runden das historisch wertvolle Werk ab.

Fazit:

Trotz Lehrteil für Beginner ist das Buch für Anfänger jüngeren Alters zu schwer, hier sollte ein spezielles Anfängerbuch vorgeschaltet werden. Doch ab dem zweiten Schritt ist dies eines der besten Bücher für ältere Jugendliche und Erwachsene, die sich schachlich verbessern wollen. Vor allem weiß und lehrt der Weltmeister im Gegensatz zu vielen anderen Spitzenspielern, wie man - ohne sein Gedächtnis mit Eröffnungsvarianten überzustrapazieren - ein Könner des königlichen Spieles wird. Erhebend sind auch seine Erläuterungen zur Umwälzung der Spielweise durch die Erkenntnisse des österreichischen Weltmeisters Wilhelm Steinitz.

Emanuel Lasker:

Laskers Lehrbuch des Schachspiels

Der Schachweltmeister von 1894-1921 lehrt Schach

Eines der besten Schachbücher aller Zeiten! Der ehemalige Weltmeister setzte nicht darauf, eine Menge Eröffnungsvarianten zu lernen, sondern das Gedächtnis möglichst frei zu bekommen. Die Teile des Buches: Elementarlehre, Eröffnungslehre, die Kombination, das Positionsspiel, das ästhetisch Wirksame, Beispiele und Muster, Erziehung zum Schach, Zukunft der Lehre von Steinitz.

254 Seiten - Joachim Beyer Verlag
Erscheinungsjahr: 2005
ISBN: 388805477X
EUR 19,80
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