Alexander Bangiev:

Felderstrategie Bd. 3

Mittelspiel

Chessbase
Rezension von Gerald Berghöfer

Das klingt doch spannend: Die Bangiev-Methode beanspruche weniger das Gedächtnis als das Denken und man könne sich damit in jeder Situation zurechtfinden, auch wenn man den vor sich habenden Stellungstypen nicht kennt.

In einem Buch von Mark Dworetski ist zu lesen: "Selbst erwachsene Menschen glauben mitunter naiv an die Existenz eines Geheimrezeptes für den schnellen Erfolg. Viele Autoren nutzen diesen Irrglauben aus, indem sie behaupten, dieses Rezept zu kennen - ein neues und originelles Allheilmittel, das sie überdies jedermann verschreiben können. Viele Wege führen nach Rom, aber keiner davon ist leicht zu beschreiten."

Trifft diese Warnung auch für diese CD-ROM zu? Sehen wir weiter:

Bangiev meint, bei "seiner B-Methode" gehe es zuerst darum, strategisch wichtige Felder zu finden und Züge zu suchen, um diese Felder in Besitz zu nehmen. Nun, aber ist das neu? Keineswegs - wie man schwache Felder nutzt, wird in vielen Büchern beschrieben, wenn auch von eher wenigen gelesen.

Der Autor meint weiter, dass das Wesentliche dieser Methode sein, dass nicht Stellungstypen gelernt werden müssten, sondern die Suchmethode immer wieder nach demselben Verfahren abläuft, wodurch sich der Spieler in jedem Stellungstypen wohl fühlen könne, weil er nicht auswendig Gelerntes über jeden Stellungstypen im Gedächtnis behalten müsse.

Diese Suchmethode müsse aber sehr wohl trainiert werden, und so weit verspricht Bangiev kein Patentrezept, ohne an sich arbeiten zu müssen. Er verlagert die Arbeit nur in einer anderen Phase, nämlich den aufgezeigten strategischen Denkprozess zu verstehen und zu trainieren. Wohl aber meint er, man könne den besten Zug quasi maschinell, nach einem festen Muster, also einer Art Checkliste, finden. Also doch ein Patentrezept?

Die B-Methode sei also "eine Methode des konstruktiven Denkens, bei der die Entscheidungen nicht nur aufgrund des Durchrechnens einzelner Varianten (was natürlich auch wichtig ist) zu fällen." Die Felderstrategie von Trainer IM Alexander Bangiev teilt die Felder des Schachbrettes nach ihrer strategischen Bedeutung ein.

Nun, soweit wiederum altbewährtes positionelles Denken samt Variantenberechnung, nur von einer anderen Sichtweise betrachtet und in neue Worte gekleidet - was Bangiev zwar einerseits in einer späteren Erläuterung selbst zugibt, gleichzeitig aber meint, dass die GMs intuitiv nach seiner Methode vorgehen, ohne es zu wissen. Dass dem nicht so ist, zeigen die Veröffentlichungen früherer Weltmeister und derzeitiger Großmeister, die ebenfalls erklären, wie mit schwachen Feldern umgegangen werden soll.

Worum geht es also nun konkret und wie gut wird es vermittelt?

Also einerseits beruht die "B-Methode" auf einer Felderstrategie und andererseits wird erklärt, sie stelle ein Instrumentarium für die richtige denkerische Handhabung des Schachspiels dar. Es scheint also so, als dass der Autor das vorrangige Denken an die Felder als richtiges Denken im Schach sieht.

Sodann erklärt er weiter, dass zu den Elementen der Felderstrategie Felder, Steine, Strategie und Initiative gehören. Die Felder hätten im strategischen Sinne immer vorrang und es gilt, Felder, die in der konkreten Situation von strategischer Bedeutung sind, zu suchen und in Besitz zu nehmen. Hier fällt wiederum auf, dass dies keine eigene "B-Methode" ist, sondern die übliche in vielen Büchern nicht als neue Methode gepriesene Vorgangsweise.

Weiter wird behauptet, dass zuerst die Felder der einen Farbe erobert werden sollen und danach werde auf der anderen Felderfarbe angegriffen. Das mag manchmal auch so sein. Sieht man sich aber dann die auf der CD-ROM vorhandene glänzende Angriffspartie von Kasparow (Piket-Kasparow, Tilburg 1989) an, wurden von Schwarz zuerst die schwarzen Felder erobert und sodann ebenfalls hauptsächlich auf schwarzen Feldern angegriffen, was die Partie entschied. Was ist also von solchen Theorien zu halten? Es kann durchaus sein, dass ich sie nicht richtig verstehe, aber da meine Auffassungsgabe nicht unterdurchschnittlich ist und ich durchaus zu der Zielgruppe der CD-ROM gehöre, frage ich mich nun, ob man das nicht besser erklären hätte können.

Die Anmerkungen zu den Zügen sind zudem nicht in natürlicher Sprache, sondern mit speziellen Kürzeln versehen (keine üblichen Schach-Kürzel, sondern wiederum "Bangiev"-Notation), was das Lösen eines möglichen Nichtverstehens enorm erschwert. Es wird von Bangiev also umbenannt, verschlüsselt, geheimnisvoll gemacht - das hat ein wirklich gutes System nicht nötig. Diese Verschlüsselung der Kommentare empfand ich als sehr unangenehm - es ist weder zuwenig Platz auf der CD-ROM, noch fehlt es an technischen Möglichkeiten, solche Zeichen vor der Veröffentlichung in natürliche Sprache umzuwandeln, um den Leser nicht unnötig zu belasten, sondern mehr Klarheit zu bieten.

Schade, denn eigentlich hat mich die Behauptung mit der "Checkliste" neugierig gemacht. Ob ich mich je noch einmal überwinden werde, sie herauszufinden?

Rein persönlich gefärbtes Fazit:

Als "Zielgruppe" haben mir Teile der Erklärungen positioneller Denkweisen durchaus zugesagt, doch so richtig überzeugt wurde ich nicht. Das liegt auch daran, dass eine Menge Aufwand ohne Freude abverlangt wird, bis selbst Spieler ab 2200 ELO-Punkten halbwegs herausfinden, was Bangiev durch seine verständniserschwerenden Umbenennungen und verschlüsselten Kürzel konkret aussagt - ausser der längst bekannten Tatsache, dass man auf positionell wichtige Felder schauen soll, was immer wieder in den Einleitungstexten erwähnt wird.

Wie gut die B-Methode nun im Einzelnen ist und ob die "Checkliste" wirklich für alle Fälle tauglich ist, kann ich nicht beurteilen, denn so weit schaffte ich es nicht, ohne die Kürzel auswendig zu lernen. Wenn jemanden der Aufwand aber nicht stört, um einen anderen Blickwinkel auf größtenteils bewährtes strategisches Denken kennenzulernen - demjenigen könnte die "Felderstrategie" durchaus Impulse bringen. Oder wer bereits die ersten beiden CD-ROMs geschafft hat und das Mittelspiel ebenfalls auf diese Weise besser verstehen will.

Alexander Bangiev:

Felderstrategie Bd. 3

Mittelspiel

IM Alexander Bangiev zeigt fortgeschrittenen Spielern seine positionelle Denkweise auf, auf dieser CD-ROM auch speziell für das Mittelspiel.

System: Windows 98 SE, ME, 2000, XP, Pentium, 32 MB RAM
Medium: CD-ROM
Hersteller: Chessbase
Erscheinungsdatum: 2005
ISBN: 3937549552
Amazon-Preis: EUR 19,99
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